Projekt des Monats

Hier stellen wir Ihnen jeden Monat ein Verbundprojekt aus dem Bereich "Arbeitsgestaltung und Dienstleistungen" vor. In diesem Monat aus dem Förderschwerpunkt "Gesundheits- und Dienstleistungsregionen von morgen" das Verbundprojekt "QuartiersNETZ - Ältere als (Ko-)Produzenten von Quartiersnetzwerken im Ruhrgebiet". Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, Barrieren technischer und wirtschaftlicher Art abzubauen sowie solche durch Mangel an Schulung, Information und Kontakten. So will QuartiersNETZ helfen, durch reale und digitale Lösungen alltägliche und systematische Probleme des demografischen Wandels zu beheben.

1. Herausforderungen

Der demografische Wandel stellt die Gesellschaft in vielen Bereichen vor große Aufgaben. Tiefgreifende Reformen im Renten-System und im Gesundheitswesen sind notwendig und auch bei der Gestaltung von barrierefreien Wohnformen, denn immer mehr ältere Menschen leben länger alleine in ihren Wohnungen. Dabei brauchen sie umso mehr zuverlässigen Zugriff auf variable Unterstützung in verschiedenen Lebensbereichen, um ausreichend versorgt und selbstbestimmt zu sein im vertrauten Umfeld ihrer eigenen vier Wände und auch sozial vernetzt bleiben zu können, um ihre Lebensqualität zu erhalten und z.B. auch längere Krankenhaus- oder Pflegeheimaufenthalte zu verhindern oder zumindest zu verkürzen.

Eine junge Frau zeigt einer älteren Frau mit weißem Haar etwas auf einem Tablet-PC.

Abbildung: Im QuartiersNETZ finden Generationen zusammen und Ältere tauchen in die digitale Welt ein.

Viele Problemstellungen berühren neben der Kostenfrage vor allem den Wunsch nach Selbstwirksamkeit auch im fortschreitenden Alter. Dabei geht es um den Abbau praktischer Barrieren wie Isolation und Einsamkeit, schwierige Erreichbarkeit und Passgenauigkeit unterschiedlicher Versorgungssysteme und Dienstleistungen und auch den mangelnden Zugang und die bessere Anwendbarkeit von technischen Hilfsmitteln. Gerade älteren Menschen fehlen oft Kenntnisse zur Nutzung technischer Systeme wie z.B. von Informations- und Kommunikationsmedien, die ihr Leben unterstützen und erleichtern können. Der Abbau dieser Barrieren ist ein vielschichtiges Problem bei der Bewältigung des demografischen Wandels und ein entscheidender Schlüssel für manche Lösungen. Bisher gehen viele Lösungsversuche an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen der Generation 50+ vorbei, weil sie nicht ausreichend mit ihren Fähigkeiten und Wünschen einbezogen werden.

So fehlen für Ältere vielfach bezahlbare, passgenau nutzbare, verständliche und leicht zugängliche Angebote von kommunalen oder staatlichen Systemen, gesellschaftlichen Organisationen, Vereinen, Kirchen und Verbänden, aber auch von Ärzten, Apotheken und Dienstleistern, von Handwerk und Einzelhandel. Oft erreicht ein Angebot auch die Zielgruppe nicht, weil Information und Nutzer durch technische Barrieren nicht zusammenfinden. Was digital zur Verfügung steht, ist für die entsprechende Altersgruppe noch lange nicht barrierefrei "zugänglich". Im Ruhrgebiet mit 5 Millionen Menschen machen sich dabei Demografie und mangelnde Versorgung der Generation 50+ umso stärker bemerkbar als im Bundesschnitt. Durch den Einfluss des industriellen Strukturwandels und von Abwanderungen schlagen sämtliche Herausforderungen von Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung bereits etwa zehn Jahre früher durch als in anderen Großstadtregionen Deutschlands.

2. Das Verbundprojekt QuartiersNETZ

Hier setzt das Verbundprojekt QuartiersNETZ praktisch an, zentral im Ruhrgebiet, in vier ausgewählten, unterschiedlich strukturierten Stadtteilen von Gelsenkirchen, in Buer, Hüllen, Schaffrath/Rosenhügel und Schalke. In allen vier Quartie- ren sitzen auch Mitarbeiterinnen des Konsortialpartners Generationennetz Gelsenkirchen e.V. (Seniorenbeauftragter und Stadt Gelsenkirchen). Das Projekt QuartiersNETZ kombiniert in seiner Arbeit multimodal Wissen und Erfahrungen aus praktischer Forschung, Entwicklung und Lehre. Dabei sind Vertreter aus Angewandten Sozialwissenschaften, Ge- rontologie, Informatik, Ökonomie und Pädagogik der Fachhochschule Dortmund, des Forschungsinstituts Geragogik (FoGera/Düsseldorf) und der Universität Vechta. Ganz praktisch arbeiten sie in der Untersuchung, Entwicklung und Im- plementierung zusammen mit den weiteren Konsortialpartnern Caritas Gelsenkirchen e.V. sowie den IT-Dienstleistern Pallas GmbH und QuinScape GmbH. Ganz wesentlich ist außerdem die maßgebliche Beteiligung weiterer Gruppen und Institutionen, vor allem aber ganz gezielt vieler Menschen der Altersgruppe 50+ im Projektgebiet und weiterer Akteure als aktive "Ko-Produzenten".

Seit November 2014 bis Oktober 2018 arbeiten im Projektverbund QuartiersNETZ nun Wissenschaftler, Bürger und Partner aus Wirtschaft, Kommunen, Institutionen und Verbänden gemeinsam in den sieben Teilprojekten (TP) "Reales Netz" (TP 1), "Digitale Quartiersplattform" (TP 2), "Interaktions- und Kommunikationsmedien" (TP 3), "Technikbeglei- tung/Schulungs- und Beratungskonzept" (TP 4), "Geschäfts- und Partizipationsmodell" (TP 5, a + b), "Evaluation" (TP 6) und "Transfer" (TP 7) an übertragbaren Lösungen, die systematisch und praktisch, für die Altersgruppe verständlich und leicht nutzbar technisch und menschlich Hilfen schaffen, immer nach dem Motto: "Real und digital verzahnt!"

3. Lösungsansätze von QuartiersNETZ

QuartiersNETZ hat sich zum Ziel gesetzt, Barrieren technischer und wirtschaftlicher Art abzubauen sowie solche durch Mangel an Schulung, Information und Kontakten. So will das Projekt QuartiersNETZ helfen, durch reale und digitale Lösungen alltägliche und systematische Probleme des demografischen Wandels zu beheben. Gelingen soll das durch bessere Vernetzung von Organisationen und Menschen und durch die Entwicklung von Hilfen zur Anwendung von informationstechnischen Lösungen. Älteren Menschen soll so ein längeres selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden ermöglicht werden. Ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg ist die Generation 50+ in den vier Gelsenkirchener Modellstadtteilen, die nicht nur theoretische Zielgruppe sind, sondern selbst partizipativ als "Ko-Produzenten" seit November 2014 kontinuierlich an den Entwicklungen aktiv mitwirken. Partizipation ist beim QuartiersNETZ ganz wesentlich. So wird sichergestellt, dass auch die technischen Bedürfnisse und Ansprüche der Nutzer erkannt werden, gezielt in die Entwicklungsprozesse einfließen und ihren Fähigkeiten entsprechend angemessen passgenau umgesetzt werden können.

Nur wenn Ältere die Angebote von Institutionen sowie hilfreiche Produkte und Dienstleistungen oder auch technische Lösungen kennen, verstehen und ansprechend finden, werden sie sie nutzen. QuartiersNETZ will so die verschiedenen Barrieren abbauen und Hand in Hand mit Bürgern und Experten vernetzte Lösungen schaffen. Dabei entstehen ganz neu reale und digitale Netzwerke vor Ort und für die Region. Die sieben Teilprojekte von QuartiersNETZ leisten dazu wesentlich einen multifunktionalen, verknüpften Beitrag, damit auch für schwer erreichbare Ältere technische Hilfen und Organisationsnetzwerke zugänglicher werden. Technik soll keine Hürde bleiben, sondern im QuartiersNETZ mit Hilfe von Gerontologen, Informatikern, Ökonomen, Pädagogen und Sozialwissenschaftlern überwunden werden, auch durch bürgerschaftlich angestoßenes Engagement mit Schulung und Beratung in Kursen und Gruppen mit "Technikbegleitern" aus der Altersgruppe 50+ und auch generationsübergreifend durch Hilfe zur Selbsthilfe.

Von den Informatikern werden Gerätebedienungen entwickelt, mit denen Ältere intuitiver als bei herkömmlichen Fernbedienungen ihre unterschiedlichen technischen Geräte im Haushalt und im Bereich der Kommunikation auswählen, einstellen und bedienen können. Aus vielen unüberschaubaren, stationären und mobilen Gerätebedienungen kann ein einziges, übersichtliches und nach den Bedürfnissen des Nutzers zusammengestelltes Produkt werden. Dadurch könnte man auch vom Bett oder Rollstuhl aus, oder nach Wunsch sogar von außerhalb z.B. durch Angehörige oder Pflegedienste, Funktionen im Haushalt steuern wie z.B. Waschmaschine, Trockner und Fernseher.

In der Projektlaufzeit entstehen außerdem für die vier Quartiere multimodale, barrierefreie digitale Plattformen nach den Wünschen, Bedürfnissen und Fähigkeiten der Älteren. Einbezogen werden aber dabei auch andere Generationen und Dienstleister, um dieser Altersgruppe und den mit ihr Verbundenen generationsübergreifend Informationen und Kontakte nah und fern über das Internet zu ermöglichen und dadurch sozialer Isolation oder Mangelversorgung entgegenzuwirken. Hilfen und Dienstleistungen werden so überhaupt oder eben schneller und einfacher zugreifbar. Sichtbarer und zugänglicher werden dabei dann auch Hilfen vor Ort und darüber hinaus, wenn Angebote von Behörden und Organisationen, Ärzten und Apotheken, Pflegediensten und Einzelhandel, Handwerkern und von anderen Dienstleistern über die lokale und regionale Plattform angezeigt werden. Weiter werden Anbieter so u.a. auch durch die Plattform angeregt, ihre Angebotsmodelle und Dienstleistungen weiterzuentwickeln und zu diversifizieren, Synergien zu nutzen und über die Plattform bedarfsgerechte Angebote in Interaktion mit den Nutzern zu entwickeln.

Die digitalen Quartiersplattformen können so durch den im Internet lokal-spezifisch neu entstehenden Marktplatz einen Beitrag zu einem für die Altersgruppe 50+ dienlichen Wettbewerb leisten und damit unterstützende Hilfen pass- genauer und auch wirtschaftlicher machen. QuartiersNETZ will dabei auch Impulsgeber werden für Dienstleistungsangebote auf Basis nachhaltiger Geschäftsmodelle, die auf ein Finanzierungsmodell abzielen, welches allen Menschen die Inanspruchnahme der erforderlichen Dienstleistungen erlaubt. Damit in Zukunft auch in steigendem Alter eine hochwertige Gesundheits- und Dienstleistungsversorgung für alle erreicht werden kann und technische Entwicklungen nicht aus finanziellen oder Informationsmängeln vielen Menschen vorenthalten bleiben, sind weiterhin große Anstrengungen in fächerübergreifender, vernetzter angewandter Forschung notwendig, um die Lösungen für die Probleme der Älteren zu entwickeln und sie ihnen so zugänglich zu machen, wie sie es brauchen. QuartiersNETZ will dazu aus verschiedenen Perspektiven Beiträge leisten.

Beispielhafter Ausschnitt des Prototyps der Nachrichtenseite der digitalen Quartiersplattform.

Abbildung: Beispielhafter Ausschnitt des Prototyps der Nachrichtenseite der digitalen Quartiersplattform.

4. Zwischenergebnisse

Drei technische Prototypen und Modelle sind bereits entstanden, die auf dem Prinzip eines variablen Baukastens mit multimodalen Schnittstellen basieren. Beim stadtweiten Halbjahrestreffen wurde der Prototyp einer barrierefreien digitalen Quartiersplattform vorgestellt, den Informatiker der FH Dortmund nach Wünschen und Bedürfnissen der Bürger mit den Konsortialpartnern Pallas GmbH und QuinScape GmbH umgesetzt hatten. Dieses Angebot eines Baukastens für eine maßgeschneiderte lokale, soziale Plattform kam bei der Zielgruppe unisono gut an und weckte sogar bei bisherigen Nichtnutzern von Computern und Internet Interesse, die möglichen Angebote nutzen zu wollen und sich damit auf bisher für sie neue Techniken einzulassen.

Auch im Teilprojekt "Interaktions- und Kommunikationsmedien" der FH Dortmund sind bereits zwei Konzepte und Modelle von neuartigen, intuitiven Gerätebedienungen auf der Basis von OpenHAB umgesetzt worden, die individualisierbar sind für die Bedürfnisse der Nutzer, leicht verständlich und damit gut bedienbar, mit ausreichend großer Haptik für Ältere und so auch für diese Altersgruppe die technischen Vorteile der Internet-Nutzung und eines SmartHome erschließen und so dem Grundsatz dienen, ein längeres selbstbestimmtes Leben zu Hause mit Unterstützung möglich zu machen.

Im Bereich der Technikbegleitung, und damit auch dem "Schulungs- und Beratungskonzept" von QuartiersNETZ ist für die "Technikbotschafter" ein partizipatives Curriculum im Lernverbund mit der VHS entstanden zu Themen wie Smartphone, Tablets, Datenschutz und Datensicherheit oder Brandschutz zu Hause. Die Seminare der kommenden Monate werden dann auch sukzessive online gestellt auf www.quartiersnetz.de und damit jederzeit, überall und für jeden abrufbar sein.

Beim Geschäfts- und Partizipationsmodell sind die interne und externe Netzwerkanalyse weit fortgeschritten und Kontakte in die Stadtgesellschaft geknüpft sowie Karten und Quartiersprofile entstanden. Zahlreiche Interviews mit Menschen 50+ und Dienstleistern haben in Zusammenarbeit mit der Evaluation stattgefunden und sind in der Auswertung. Sie sollen dem Projekt wichtige Informationen bringen. Ein Workshop mit dem Generationennetz Gelsenkirchen e.V. zu "Zugehenden Beteiligungsformaten" soll schwer erreichbare Menschen in Zukunft noch besser einbeziehen.

Die Evaluation des Projekts erfolgt fortlaufend als wissenschaftliche Begleitung des Projekts mit quantitativen und qualitativen Methoden der Beobachtung und durch Interviews und deren Auswertung zur Unterstützung und Qualitätssicherung. Im Juni 2015 erfolgte mit Hilfe des Gelsenkirchener Oberbürgermeisters Frank Baranowski eine große Bürgerbefragung in Stichproben der Generation 50+ in den vier Auswahlquartieren. 4000 Bürger wurden angeschrieben und mit der hohen Rücklaufquote von 30% entstanden wichtige Erkenntnisse über den Umgang der älteren Menschen mit Technik (siehe Homepage und Link am Ende dieses Artikels unter "Weitere Informationen").

QuartiersNETZ ist die Einbeziehung der Zielgruppe der Älteren im Projektgebiet Gelsenkirchen auch mit Hilfe des Teilprojektes "Reales Netz" mit den Konsortialpartnern Caritas Gelsenkirchen e.V. und Generationennetz Gelsenkirchen e.V. schon sehr weit gelungen, teilweise sogar bei den schwerer erreichbaren Gruppen. Bei stadtweiten halbjährlichen Workshops oder Jahreskonferenzen beteiligen sich aktiv rund 130 bis 200 Menschen dieser Altersgruppe sowie Vertreter aus Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Institutionen, Kirchen und Verbänden. Auch der Oberbürgermeister nimmt fortgesetzt teil. Sogar die regelmäßigen Veranstaltungsformate (rund 50 in 2015) wie Arbeitsgruppen oder Quartierskonferenzen erreichen oft rund 40 bis 80 Ältere, was den Einfluss der Zielgruppe auf die Entwicklungen der sieben Teilprojekte in den ersten anderthalb Jahren der Projektlaufzeit schon sehr gefördert hat.

Der Transfer findet mit halbjährlichen Treffen des Beirats mit Vertretern anderer Ruhrgebietskommunen bereits parallel zu den Entwicklungen im QuartiersNETZ statt, um Informationen auszutauschen, Kontakte zu vertiefen und Erkenntnisse während der laufenden Prozesse auch für andere Kommunen nutzbar zu machen. Nach anderthalb Jahren ist das Projekt QuartiersNETZ an vielen Stellen schon weit vorangekommen und weiter unterwegs, die ambitionierten Ziele als Beitrag zur Gestaltung des demografischen Wandels im Ruhrgebiet und in Deutschland einzubringen.

5. Veranstaltung

Wir laden Sie herzlich ein zur nächsten QuartiersNETZ-Jahreskonferenz mit allen sieben Teilprojekten zur Vorstellung von Zwischenergebnissen und zum Austausch mit Experten und Bürgern.

Mi., 02. November 2016, 14-18 Uhr, im Hans-Sachs-Haus (Rathaus),
Ebertstraße 11, 45879 Gelsenkirchen.

Weitere regelmäßige Veranstaltungen der einzelnen Arbeitsgruppen und in den vier Quartieren finden Sie oben rechts auf der Startseite der Projekt-Homepage www.quartiersnetz.de

6. Kontakt

Verbund-Koordinatorin und Projektmanagement Prof. Dr. Sabine Sachweh
Fachhochschule Dortmund, FB Informatik Otto-Hahn-Str. 23, 44227 Dortmund
Tel.: 0231/755-6760
E-Mail: info@quartiersnetz.de

Konsortialpartner:

Logos der Konssortialpartner: Caritas Gelsenkirchen, Fachhochschule Dortmund, Forschungsinstitut Geragogik, Generationssetzwerk Gelsenkirchen e.V., pallas, QuinScape und Universität Vechta

Dokumente

Ansprechpartner


  • Dr.-Ing. Andreas Theilmeier

    • Telefonnummer: 0228 3821-1136
    • Faxnummer: 0228 3821-1248
    • E-Mail-Adresse: andreas.theilmeier@dlr.de