Projekt des Monats

Hier stellen wir Ihnen jeden Monat ein Verbundprojekt aus dem Bereich "Arbeitsgestaltung und Dienstleistungen" vor. In diesem Monat das Projekt "Polarisierung von Tätigkeiten in der Wirtschaft 4.0 - Fachkräftequalifikationen und Fachkräftebedarf in der digitalisierten Arbeit von morgen".

Polarisierung von Tätigkeiten in der Wirtschaft 4.0 - Fachkräftequalifikationen und Fachkräftebedarf in der digitalisierten Arbeit von morgen

Herausforderungen

Aktuelle und breit diskutierte Studien ermitteln für die USA eine Polarisierung der Anforderungen in beruflichen Tätigkeiten (Autor et al. 2003) und ein hohes Ersetzungspotential für Tätigkeiten auf "mittlerem Qualifikationsniveau" von fast 50 % der Berufe (Frey / Osborne 2013). Dieses "mittlere Qualifikationsniveau" umfasst berufliche Qualifikationen, wie sie im anglo-amerikanischen Raum vornehmlich als "on-the-job-trainings" oder schulisch strukturierte Programme angeboten werden, in Deutschland jedoch umfasst es die geregelten beruflichen Ausbildungen des dualen Systems und vergleichbare schulische Berufsausbildungen. Fast zwei Drittel der Erwerbstätigen in Deutschland haben einen Abschluss auf diesem mittleren Niveau, was bedeuten würde, dass bei einem vergleichbar hohen Ersetzungspotential eine große Zahl an Erwerbspersonen betroffen wäre.

Forschungsfragen, Schwerpunkte und Ziele

Das Projekt will daher Antworten auf die Fragen finden, ob die theoretischen Annahmen der Polarisierungsdiskussion auch für Deutschland zutreffen und ob die Ergebnisse aus den USA auf Deutschland übertragbar sind. Das führt zu der Frage, welche analogen und / oder abweichenden Entwicklungen sich für Deutschland feststellen lassen und schließlich welche Entwicklungen in Zukunft zu erwarten sind.

Die Leitfrage lautet dabei: Führt Digitalisierung zu Polarisierung? Weitere Fragen sind:

  • Gibt es in Deutschland auf Beschäftigten- oder Betriebsebene bereits Tendenzen einer Polarisierung?
  • Welche Mechanismen führen dazu? (Was sind die Treiber der Polarisierung?)
  • Welche Auswirkungen sind durch die Digitalisierung auf die Arbeitswelt zu erwarten? (Arbeitskräftebedarf, -angebot, betriebliche HRM-Strategien, Engpässe, berufliche Mismatches, Upgrading)

Die Schwerpunkte des Projektes liegen dabei zunächst in einer Darstellung der Branchen- und berufsbezogenen Entwicklung von Substituierungspotenzialen und Veränderung von Tätigkeitsanforderungen seit den achtziger Jahren, einer Analyse des aktuellen Standes des branchenspezifischen Digitalisierungsgrads der Wirtschaft und des Investitionsvolumens von Betrieben und Unternehmen in moderne Technologiesysteme sowie des Anteils an Betrieben mit polaren Beschäftigtenstrukturen. Mit diesen Informationen sollen die Qualifikations- und Arbeitskräftebedarfe der Wirtschaft durch Einsatz digitaler Arbeitsmittel in Betrieben und Unternehmen projiziert werden, um potenzielle Auswirkungen neuer Digitaltechnologien auf Beschäftigungs- und Qualifikationsstrukturen bis zum Jahr 2035 zu beschreiben.

Projektaufbau

Innerhalb des Projektes gibt es vier Arbeitspakete, die sich aus je unterschiedlichen Perspektiven den Fragestellungen nähern. Die betrieblichen Anforderungen an Tätigkeiten werden durch eine Analyse von Stellenanzeigen ermittelt. Eine Ausweitung des BIBB-Qualifizierungspanels analysiert über mehrere Wellen dieser Befragung die Perspektive der Betriebe auf die Einsatzmöglichkeiten neuer Technologien, des Personals mit bestehenden Qualifikationen und dem Bedarf nach neuen Qualifikationen. Die Perspektive der Erwerbstätigen wird abgebildet durch Auswertungen der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragungen. Auch hier geht es um die Anforderungen am Arbeitsplatz, unter Einsatz bestimmter Technologien. Schließlich werden die Informationen dieser beiden Perspektiven, die auf der Ebene von Berufen, Branchen und Qualifikationen verknüpft werden können, zusammengeführt mit Ergebnissen von qualitativen Begleitstudien mit Expertinnen und Experten für neue Technologien, um in Projektionen (QuBe-Projekt) eine Beschreibung möglicher Szenarien zu erreichen, die die Entwicklung von Anforderungen durch die Digitalisierung bis ins Jahr 2035 beschreiben.

Erste Ergebnisse

Grafik des Projekts Polarisation 4.0 zu der Entwicklung von Routineinhalten Perspektive der Erwerbstätigen

Der beschriebenen Diskussion um Polarisierung liegt die Annahme zugrunde, dass bestimmte Tätigkeiten im Arbeitsalltag leichter ersetzbar sind durch Computer oder programmierbare Maschinen als andere. Diese Tätigkeiten werden oft als "Routinetätigkeiten" bezeichnet, was aus dem englischen "routine" im Sinne einer Programmroutine entlehnt ist und wenig bis nichts mit dem Verständnis von Routine als auf Erfahrungswissen aufbauenden Kompetenzen zu tun hat. Diese Routinetätigkeiten sind also in Programmabläufe überführbar und daher können sie auch durch Computer und Maschinen ersetzt werden. Auf der anderen Seite stehen Tätigkeiten und Aufgaben, die sich nicht ersetzen lassen, weil sie eine starke interaktive Komponente haben (wie in der Pflege und Betreuung von Menschen), weil sie Kreativität erfordern oder schnelles situatives Eingreifen. Berufliche Tätigkeiten sind dabei immer ein Bündel unterschiedlicher Aufgaben und Tätigkeiten, niemals tritt ausschließlich eine Routinetätigkeit oder eine kreative Aufgabe auf, es sind jeweils auch noch andere Aufgaben zu bewältigen (bei der Pflege von Menschen beispielsweise Dokumentationsaufgaben). Dennoch haben sich in den letzten Jahrzehnten die Routineinhalte zurück entwickelt und sind offensichtlich aus der Sicht der Erwerbstätigen bei ihren beruflichen Anforderungen in den Hintergrund getreten. Interessant ist dabei, dass die Routineinhalte sich auf allen Qualifikationsebenen zurück entwickelt haben.

Perspektive der Betriebe

Betriebe können im Zuge der Digitalisierung von Prozessen unterschiedliche Strategien verfolgen und beispielsweise neue Maschinen anschaffen, bestehende aufrüsten, neue Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter einstellen oder die vorhandenen qualifizieren. Die Digitalisierung kann sich, wenn es um die Einführung neuer Technologien geht, einerseits auf neue Informations- und Kommunikationstechnologien und andererseits auf neue Produktions- und Steuerungstechnologien beziehen oder beides.

Mit dieser Unterscheidung zeigt sich, dass Betriebe, die keine dieser neuen Technologien einführen (insgesamt 47,5 %), Tendenzen zum Upgrading in der Qualifikationsstruktur der Beschäftigten haben, hier nehmen also die Beschäftigten mit qualifizierten und hochqualifizierten Tätigkeiten zu. Führen die Betriebe hingegen neue IC-Technologien ein (26,8 %), weisen sie einen leichten Trend zur Verberuflichung auf, das heißt, hier gibt es Zuwächse auf dem mittleren Qualifikationsniveau. Betriebe, die nur neue Produktions- und Steuerungstechnologien einführen (insgesamt 8,9 %) weisen schwache Polarisierungstendenzen auf. Allerdings zeigen sich für Betriebe, die sowohl neue IC- als auch Produktions- und Steuerungstechnologien einführen (insgesamt 16,8 %), relativ starke Polarisierungstendenzen.

Grafik des Projekts Polarisation 4.0 zur Entwicklung der Beschäftigung nch Tätigkeitsniveau 2012 und 2014 und Einführung neuer Informations- und Kommunikationsechnologiern und/oder Produktions- und Steuerungstechnologien

Arbeitsmarktprojektionen

Ergebnisse innerhalb der BIBB/IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen liegen derzeit nur für ein engeres Industrieszenario vor. Durch die Entwicklung hin zu Industrie 4.0 wird der Strukturwandel hin zu mehr Dienstleistungen beschleunigt. Dabei sind Arbeitskräftebewegungen zwischen Branchen und Berufen weitaus größer als die Veränderung der Anzahl der Erwerbstätigen insgesamt. Werden die Umwälzungen in allen möglichen Kombinationen von Berufsfeldern in unterschiedlichen Branchen berechnet, gehen bis 2025 zwar ca. 490.000 Arbeitsplätze verloren, jedoch werden auch ca. 430.000 neue geschaffen. Dies bedarf aber umfassender Weiterbildung.

Literatur

Autor, D.H., Levy, F., Murnane, R.J. (2003): The skill content of recent technological change: An em-pirical exploration. The Quarterly Journal of Economics, S. 1279-1333.

Frey, C., Osborne, M.A. (2013): The future of employment: How susceptible are jobs to computerization? University of Oxford.

Veranstaltungen

Workshop "Polarisierungsthese in Deutschland", 8. Juni 2016, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Bonn

Fachtagung "Automatisierung - Digitalisierung - Polarisierung", 10. November 2016, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Bonn, Call for Papers (PDF, Stand: 05.08.2016)

Veröffentlichungen

Tiemann, Michael (2016): Routine bei der Arbeit. Eine Untersuchung zur Entwicklung von Routineinhalten auf Basis der Erwerbstätigenbefragungen seit 1979. In: BWP 2(2016), S. 18-22.

Troltsch, Klaus (2016): Polarisierung in Beschäftigung und Ausbildung? Analysen zu den Folgen des technologischen Wandels auf Grundlage des BIBB-Qualifizierungspanels. In: BWP 2(2016), S. 28-32.

Wolter, Marc Ingo; Mönnig, Anke; Hummel, Markus; Schneemann, Christian; Weber, Enzo; Zika, Gerd; Helmrich, Robert; Maier, Tobias; Neuber-Pohl, Caroline (2015): Industrie 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Wirtschaft: Szenario-Rechnungen im Rahmen der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen. In: IAB-Forschungsbericht, 8/2015

Ansprechpartner

Prof. Dr. Robert Helmrich
Bundesinstitut für Berufsbildung,
Leiter Arbeitsbereich 2.2 "Qualifikation, berufliche Integration, Erwerbstätigkeit"
Helmrich@bibb.de

Dokumente

Ansprechpartner


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